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Fünf Fundstücke
 


Denken in Gefahr!

Durch Zufall oder andere günstige Umstände stieß ich soeben auf eine widerlegbare Sentenz von Friedrich Wilhelm Nietzsche, der sich mit pessimistischem Ernst lustig macht über die Entwicklung der Buchkultur. Dass jedermann lesen lernen dürfe, beginnt er, und man zögert sogleich: Meint er nicht zuvorderst jede Frau? Dass also jedermann lesen lernen dürfe, „verdirbt auf die Dauer nicht allein das Schreiben, sondern auch das Denken“. Müsste man des Dickschädels Werte heute, angesichts des Heeres von Facebook-Autor*innen nicht umwerten und sagen: „Dass jedermann schreiben darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein das Lesen, sondern auch das Denken“?

| 26.3.2021 | wk |

 

Herein, Memme!
Sang man nicht: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall, wie Schwertgeklirr und Wogenprall“? Das waren wahrhaft raumgreifende Töne: „Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein! - Wer will des Stromes Hüter sein?“ Platz da!
Ja, Rufe können sehr weit schweifen. Wie auch der „gewaltige Halleluja-Ruf“ der Musikschule Volkach, von dem die Mainpost glaubhaft berichtete, dass er 2.400 Trommelfelle zum Zittern brachte. Da wundert es kaum, dass es nun heißt: „Saunen sind platzsparender als ihr Ruf“. So steht es in der Saarbrücker Zeitung vom 19.2.2021. Das bedeutet: Die Sudatorien haben einen kräftigen und daher untadeligen Ruf, sind selbst aber eher scheu und schüchtern, weshalb man sie oft in Kellerräumen findet. Weshalb wiederum das Blatt dazu ermuntert, sie in Wohnzimmer einzubauen. Denn das Schwitzbad genießt bekanntlich seit der Steinzeit hohes Ansehen, wegen der Hitzeschockproteine mal zumindest.
Gerade höre ich es wieder, wie es aus der zierlichen Zirbenbox dröhnt wie Donnerhall: „Herein, Memme, und auf die oberste Bank!“
| 19.2.2021 | wk |

 

Wer war das?
„Er durfte straflos, unverschämt und systematisch die Unwahrheit sagen. Seine Lügen haben nicht mehr den Reflex der moralischen Entrüstung ausgelöst. Das puritanische Amerika ist nur noch eine Erinnerung. Gesiegt hat der Jesuitismus ohne Jesuiten.“
Wer war „Er“? Wahrscheinlich Trump. Die Evangelikalen ohne Moral, extremistisch, so war es doch. In der „Zeit“ dazu eine gute Analyse: „In liberalen Demokratien ist die politische Rechte häufig nur wider Willen demokratisch.“ Genau! Und weiter: „Die Tatsachen sagen uns, dass in den USA eine dramatische Konfrontation zwischen Demokratie und Populismus stattfindet.“
Geschrieben hat das Paolo Flores d’Arcais, ein Publizist in Rom, der sich dort ausdauernd und unbestechlich am Populisten Berlusconi abarbeitete. Was überrascht: Sein Text unter der Überschrift „Ist Amerika noch eine Demokratie?“ erschien am Tag der zweiten Amtseinführung von George W. Bush, am 20. Januar 2005. Das war also „Er“.
14.2.2021 | wk |

 

Das ist Hammer
Auf Anhieb fällt mir kein gutes Argument dagegen ein, dass Dirk Rossmann in ganzseitigen und daher teuren Zeitungsanzeigen für seinen Erstlingsroman wirbt. „Der neunte Arm des Oktopus“ ist bei Bastei Lübbe erschienen, wird unter anderem in den Drogerie-Märkten des Autors vertrieben. Ich habe das Buch (noch) nicht gelesen, bekenne mich aber zu meinem Vorurteil: Jede*r, die*der sich in die Klimadebatte einmischen will, und zwar von der vernunftgeleiteten Seite her, hat alle Rechte, dies zu tun. Und wenn es in Rossmanns Text Dramaturgiefehler und Irrtümer (Stockholm statt Oslo) gibt, auf die kleinlich schon mit dem Finger gezeigt wird, so what? Um mehr Bewusstsein für nachhaltige Entwicklung zu schaffen, ist das Storytelling eines der funktionierenden Instrumente, weil die Überzeugungskommunikation über CO2- und sonstige Werte trotz Greta so offenkundig scheitert. Und wer behauptet denn, dass es sinnvoll ist, Unterhaltungsliteratur an den stilistischen Finessen von Novalis zu messen? Laut Verlag hat Udo Lindenberg über Rossmanns Buch geschrieben : „Das ist Hammer. Super spannend. Respekt!“ Bis ich es gelesen habe, schließe ich mich dem Vorredner mal vorsorglich an.
| 27.11.2020 | wk |

 

Meine Einheit
1989 habe ich in der saarländischen Staatskanzlei gearbeitet. Unter anderem war ich zuständig für die Medienanalyse und unser Ausschnittsarchiv. Eines Morgens im Sommer kam mein älterer Kollege mit einer neuen Ablagebox. „Wiedervereinigung“ hatte er draufgeschrieben. „Es werd zevill“, begründete er es. Unsere Kartons „DDR“ von I bis XII waren eh voll. „Ouw“, sagte ich, „das met der Widdervereinichung veschdeggelle ma besser“. Ich stand voll auf „Wandel durch Annäherung“ (Egon Bahr), und Oskar Lafontaine war mein Chef. Die neue Kiste kam also hinten unten in die Ecke. Sie füllte sich sehr schnell. Irgendwann, so im November ungefähr, schrieb ich das Etikett neu: „Einigungsvertrag I“. Und die Clips wanderten nach vorne oben ins Regal. Schon kurz darauf folgte die Box römisch II.
| 3.10.2020 | wk |

 

 

 

 

Denken in Gefahr: Nietzsches Blick auf die Buchkultur. Collage: WolkeScript

Lorenz Clasen: Germania auf der Wacht am Rhein, Kaiser Wilhelm Museum Krefeld, Repro: FAZ online, commons.wikimedia [Ausschnitt]

Udo Lindenberg mag Dirk Rossmann. Foto: hawobo (Bonn, 2005) commons.wikimedia [Ausschnitt]

Nur zum Teil gut gelaunt: Volkspolizisten warten  am 22. Dezember 1989 auf die offizielle Öffnung des Brandenburger Tores. Foto: US-Militär (F. Lee Corkran), commons.wikimedia [Ausschnitt]